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Spiritueller Impuls November 2019

Kranker Herbst...
Zweiter Frühling

Kranker Herbst

…Und wie ich liebe, o Jahreszeit, wie ich deine Geräusche liebe,
Die Früchte, die fallen, ohne dass man sie pflückt,
Der Wind und der Wald, die weinen
Alle ihre Tränen im Herbst Blatt für Blatt,
Die Blätter
Von Füßen festgetreten,
Ein Zug,
Der fährt
Das Leben
Vergeht.

(Guillaume Apollinaire, 1880-1918)

Kann ich eine kranke Jahreszeit lieben? Weinende Bäume, festgetretene Blätter, vergehen­des Leben? Kein anderer Monat wie der November ist so der Trauer, dem Weinen und der Ver­gänglichkeit des Lebens ge­widmet - Allerseelen, der Volkstrau­ertag und der Totensonntag. Ereig­nisse der Ge­schichte und auch schwierige Lebensphasen finden sich wieder in den natürlic­hen Abläufen der Na­tur. Für einige ist dieser Monat be­sonders schwer - sie brauchen Hilfe. Doch wohin mit den Tränen, die bleiben, die immer wieder neu zu fließen begin­nen?

Das Vergängliche lieben...Liebe heißt anneh­men, heißt akzeptieren, dass auch dies zu mir gehört. Ich nehme die Wahrheit dieser schmerzlichen Gefühle an. Es ist unreif, noch passt es zu einem erwachsenen Christsein, diese Gefühle zu unter­drücken. Sie gehö­ren zur „SCHULE JESU“. JESUS weint über den verstorbenen Lazarus (vgl. Joh 11, 33-35). ER weint, weil die Men­schen die Möglichkeiten zum Frieden nicht erkennen (vgl. Lk 19, 42). Paulus schreibt un­ter Tränen an die Gemeinden in Korinth und Phil­ippi (vgl. 2 Kor 2, 4; Phil 3, 18). Vinzenz von Paul (+1660) fragt: „Wie kann man Christ sein, ohne…zu weinen, ohne mit anderen zu lei­den? Das hieße ohne Liebe, ein Schein-Christ sein, keine Mensch­lichkeit besitzen und schlech­ter als ein wil­des Tier sein.“

Bäume weinen von Natur aus. Weshalb tun wir uns oft so schwer damit, unsere Natur in die­sem Bereich zuzulassen, schämen uns sogar dafür?! Dabei kann ich mit den Bäumen lernen, tiefer, ehrlicher und offener mit GOTT zu leben - ich schütte ihm unsortiert mein Herz aus, mei­ne Trauer, mei­n Schmerz und meine Tränen. GOTT fängt alles auf und damit auch mich auf wie in ei­nem Gefäß (vgl. Ps 56,9). Wenn ich nicht so offen zu GOTT bete - wem hilft das? Aber - Bäume weinen nicht nur ihre Blätter. Sie sorgen auch für das nächste Jahr vor. Die neue Knospe schiebt die Blätter quasi vor sich her. Albert Camus (1930-1960) sagt es so:

„Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird.“

Neben der Trauer um liebe Verstorbene gibt es auch Trauer in schweren Phasen des Le­bens, ähnlich wie im November, auch plötzlich, mitten im Jahr - Tränen über verpasste Möglichkeiten, Un­aufgearbeitetes, Unklares, Verworrenes, Übersehenes, Misslungenes…ich darf dies al­les be­trauern und bewei­nen, auch mit anderen, und genau das GOTT anvertrauen. Wir kön­nen unsere Tränen in GOTT hinein „säen“ und dabei hof­fen, dass wir nach der Zeit der Trauer und der Tränen durch IHN Mut, Freu­de, Klarheit, Kraft und Zuversicht für die Zu­kunft erhalt­en (vgl. Psalm 126, 6). Trä­nen sind wie fal­lende Blätter, die zur Blüte werden - eine neue Le­benssicht, ein befreites Le­bens-Gefühl, eine passendere Gang­art. Ich kann den „kran­ken Herbst“ lieben, weil in ihm schon ein zweiter Frühling verborgen ist.

P. Gregor Winter OCist

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