kopfbild 01 04

Spiritueller Impuls November 2018

Zeit duftet

Der Artikel „Der Wohlgeruch“ von Klaus W. Hälbig („Bilder der Gegenwart“, August 2018, S. 337-341) hat mich sehr angesprochen. Daraus möchte ich den Geruch und seine Beziehung zur Zeit und zum Leben besonders herausgreifen.

Zeit kann duften. Zeit kann ich riechen. Es ist nur eine Frage der Messmethode. In China gab es beispielsweise bis ins 18. Jahrhund­ert eine Räucheruhr. Wie diese ausgesehen hat, weiß ich nicht. Aber ich vermu­te - an­hand der Glühstelle auf dem Räucher-(Stunden)Stäbchen konnte man die genaue Zeit ab­lesen. Wenn die Zeit nun auf einmal duftet, dann verwandelt sie sich in ihrer Bedeutung. Aber sie verwandelt auch mich in meiner Einstellung zur Zeit. Sie ist jetzt anders als die etwas „unterkühlt“ wirkende, exakte Atomuhr-Zeit.

Natürlich - wie Zeit auch gemessen wird - ist und bleibt sie begrenzt und vergänglich. Doch eine duftende Zeit bringt mich zu einem tiefe­ren Verstehen. Diese Zeit ist in ihrer Vergäng­lichkeit zugleich erfüllt. Mir fällt die erste Wortmeldung Jesu im Markusevangelium ein: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe.“ (vgl. Mk 1, 15) Zeit ist in ihrem Verlauf und in jedem Moment erfüllt von der lebendi­gen Gegenwart Christi und vom Reich Gottes.

Manchen schlägt das fehlende Licht im November sehr auf das Gemüt. Es fällt schwer, sich aufzuraffen. In dieser schwierigen Zeit könnte uns unser "innerer Geruchssinn" helfen. Paulus spricht von sich und seinem Missions-Team, dass sie „Christi Wohlgeruch für Gott“ (2 Kor 2, 15) sind. So werden sie zum „Lebensgeruch, der (anderen) Leben bringt“ (2 Kor 2, 16). Sie ha­ben also mehrfach die gottgefüllte Zeit in sich aufgenommen.

Das ist eine Anregung zum eigenen Beten. Ich kann meine Augen schließen und dann langsam und genüsslich ganz tief Luft holen. Ich nehme die von Christus erfüllte, duftende Zeit in mich auf. Und beim langsamen Ausatmen kann ich Jesus alles anvertrauen, was mich traurig macht, was mir die Kraft nimmt, mich am Leben hindert, was - um im Bild zu bleiben - nach „Tod“ riecht. Das wird mich verwandeln. Andere könnten durch mich das, was typisch Jesus ist, mit der Zeit durchaus gut „rie­chen“.

Als Jesus zum verstorbenen Lazarus gerufen wird, ist er schon vier Tage tot. Ein übler Ge­ruch geht vom Grab aus (Joh 11, 39f). Jesus hätte schneller zu Hilfe kommen können. Aber er kommt absichtlich zu spät. Er lässt Lazarus sterben. Doch das tut er nur, um sich umso eindrucksvoller als „die Auferste­hung und das Leben“ (Joh 11, 25) dem „Todesgeruch“ mit sei­nem ganzen „Lebensduft“ entgegenzustellen. Und dieser Lebensduft ist stärker. Lazarus findet ins Leben zurück, erfüllt vom Duft Christi.

Im November denken wir besonders an die Verstorbenen und beten für sie. Zur Beerdigungsliturgie gehört auch der Duft, wenn die Verstorbenen mit Weihrauch beräuchert werden. Es ist die Erinnerung, dass sie im Leben mit ihrem Leib "Tempel des Heiligen Geistes" gewesen sind (vgl. 1 Kor 6, 19). Zugleich dürfen wir hoffen, dass sie den "Lebensdurft der Erlösung" im weihraucherfüllten ewigen Tempel (vgl. Offb 15, 8) für immer empfinden. Wir können uns im Blick auf ihr Leben fragen - wo, wie und wann haben wir etwas von "Christi Wohlgeruch" durch sie erfahren?

P. Gregor Winter OCist

Namenstage

Odo, Alda, Roman, Bettina (18.11.) > Heilige

Gottesdienste

Abendlob

Jahreskalender

Mittagsgericht