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Spiritueller Impuls Mai 2019

Fassungskraft gewinnen

„Herr, es komme zu mir deine Liebe!“ (Ps 119, 41) - so beten wir jeden Montag in der Terz. Ich stockte! Worum beten wir da wirk­lich? Als ich im hebräischen Wörterbuch nachschaue, steht dort mehr als Liebe - Güte, Treue, Glaube, Solidarität, Schönheit, Anmut. Wenn wir darum beten - sind wir darauf vorbereitet, haben wir dafür die nötige Fassungskraft?

Ich erinnere mich an einen Gebirgsfluss, der einen kleinen Wasser­fall bildete. Als ich meine Hand hineinhielt, wurde sie von der Kraft des Wassers sofort nach unten geschlagen. Ich er­schrak! Mit so ei­ner Wucht hatte ich nicht gerechnet. Jetzt, ganz wach und aufmerk­sam, versuchte ich es erneut und konnte gegen­halten.

Im Hohenlied spricht die Freundin die seltsame Bitte aus: „Stärkt mich mit Traubenkuchen! Erquickt mich mit Äpfeln“ (Hld 2, 5). Heute würde man vielleicht sagen - gebt mir Traubenzucker und Energieriegel! Weshalb diese Bit­te um Stärkung? Es ist ähnlich wie mit dem Wasserfall-Erlebnis. Zunächst unscheinbar, ist die Kraft und Wirkung der göttlichen Gnade viel stär­ker als vermutet. Ephräm, der Syrer (gest. 373), scheint es erfahren zu haben, wenn er betet: „Herr, ziehe deine Hand ein wenig ab, denn mein Herz ist zu schwach, so große Freude zu empfangen!“

Bei bestimmten Erfahrungen, Erlebnissen und Begegnungen sagen wir: „Das hat mich fast umge­hauen, das war fast zu viel des Guten!“ So müs­sen uns für die Übernahme göttlicher Gaben noch Kräf­te zuwachsen. Wir müssen sie ver-kraften kön­nen. Gottes Liebe, Güte, Treue, Solidarität, Schönheit und Anmut im eigenen Leben anderen zu schenken, sie erfahren zu lassen - wer kann das „locker“ leben, wer ist dem wirklich sofort gewachsen?

Im Mai schauen wir besonders auf Maria. Sie war erschrocken, als sie die Botschaft des Engels und die damit verbundene Aufgabe hörte (vgl. Lk 1, 26-38). Sie hat einen Dialog begonnen, hat über alles nachgedacht und zurückge­fragt. Sie hat sich nicht unter Druck setzen lassen. Ihr wurde auch Zeit gelassen, damit sie die nötige Fassungskraft gewinnen konnte. So war und blieb sie ihr Leben lang gefasst und stark genug für den „Sturzbach der göttlichen Liebe“ und ihre persönliche, klare und reine Zustimmung im konkreten Moment. Diese Haltung findet sich auf manchen Ver­kündigungsbildern im Symbol einer Vase mit Lilien wieder.
(als Beispiel - https://upload.wikimedia.org/wi­kipedia/com­mons/0/0e/Embroi­dered_book­binding_13th_century_Annunciation.jpg).

„Herr, es komme zu mir deine Liebe, deine Güte, deine Treue, deine Solidarität ...“ (Ps 119, 41). „Maria, du Kelch des Geistes, bitte für uns“, so beten wir in der Lauretanischen Litanei. Werden wir die Wirkung dieser Gebete aushalten? Nehmen wir uns wie Maria die entsprechende Zeit, um Fassungskraft für Gottes Gaben und Eigenschaften zu gewinnen? Suchen wir danach und nehmen wir alles an, was uns dafür stärkt. Bleiben wir im lebendigen Dialog mit Gott, um unserem, von ihm anvertrauten Auf­trag Moment für Moment immer mehr gewachsen zu sein.

P. Gregor Winter OCist

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