kopfbild 01 04

Spiritueller Impuls Juni 2020

Ein gesunder Augenblick

Es klingt vielleicht etwas verwirrend, aber es stimmt: Ein Augenblick ist etwas anderes als ein Augenblick. Denn einerseits gibt es den Augenblick als ganz kurzen Moment. Und anderer­seits gibt es den „echten“ Augenblick: den Blick unserer Augen. Dieser kann unter Umständen sehr lange dauern: wenn wir den Blick schweifen lassen, wenn wir etwas mit wachen, auf­merksamen und offenen Augen betrachten. „Die Augen sind das Fenster der Seele.“ So kann über unsere Augen eine besondere Verbindung untereinander entstehen - mit einem uns sehr vertrauten Menschen, bei ei­nem Vier-Augen-Gespräch oder immer auch dann, wenn wir den Mund-Nasen-Schutz tragen müssen.

Jesus selbst ist ein gesunder, klarer Augenblick ein Herzensanliegen. So sagt er: „Die Leuch­te des Leibes ist dein Auge. Wenn dein Auge gesund ist, dann ist dein ganzer Leib hell. Wenn es aber krank ist, dann ist auch dein Leib finster. Achte also darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist! (vgl. Lk 11, 34) Seine zahlreichen Blindenheilungen unterstreichen, dass es nicht um biologische Heilung allein geht. Der Blick der Augen soll frei werden für ein wahres Erfassen der ganzen Wirklichkeit, zu der ich gehöre, die mich umgibt, die ich selbst bin und der Wirklichkeit Gottes, wie er wirklich ist.

Es gibt eine kranke und krank machende Art des Augenblickes, der eine schädliche „Gottes-, Welt-, und Menschen-Anschauung“ bewirkt. Betriebsblindheit durch Gewöhnung; blind-Sein vor Wut; Bli­cke, die töten könnten; das Auge, das zum Bösen verführt (vgl. Mt 5, 29), begehrliche Blicke (1 Joh 2, 16). Manche sehen alles durch eine rosarote oder schwarze Brille; und der Blick auf den Nächsten und sich selbst ist durch einen dicken Balken im eigenen Auge verstellt (Lk 6, 42). Doch nur ein gesundes Auge schenkt uns wahres Licht.

Mit gesunden Augen schauen, heißt: ohne Vorurteile und Beurteilen, ganz offen, unverstellt und unvoreingenommen. Kleine Kinder machen uns das vor, wenn sie etwas Neues entdecken. Erwachsene können das mit der Zeit verlieren. Durch zahlreiche, innerlich gespeicherte Er­lebnisse und Erfahrungen kann es reflexartig geschehen, dass mit dem Blick zugleich aussortiert wird: Was angenehm, vertraut und ungefährlich scheint, wird gern angenom­men. Was dagegen unbekannt, unangenehm, gefährlich, beunruhigend daher­kommt, wird ab­gelehnt. Das aber verhindert eine umfassende Wahr-Nehmung. So verstellt das verin­nerlichte Vor-Sortie­ren den Blick für die ganze Wirklichkeit. Wie kann ich Gott, der so ganz anders und immer unverfügbares Geheimnis ist wahrhaftig begegnen, wenn ich nicht frei vom „Aus-Sortieren“ bin? Wie ehrlicherweise dem Nächsten und meiner eigenen Wirklichkeit?

Wir können den gesunden Blick einüben. Ein guter Anfang dafür ist das bewusste längere Betrachten von etwas in der Natur, in meinem Lebensumfeld, wo ich wohne. Ich schaue wie ein kleines Kind einfach das länger an, was mir ins Auge fällt, ohne Vorurteil und ohne Denken.Und dann spüre ich nach, was mir zB. die Holzmaserung, der Stein, das Baumblatt, der Wasserhahn, der Salzstreuer usw. sagt. Ich frage nach der stillen, leisen Botschaft für mich. So eingeübt, wird sich mein Augenblick verändern. Eine solche Übung muss gar nicht lange dauern. Doch je regelmäßiger ich mich darauf einlasse, umso geschulter und klarer wird meine Sicht. Es ist der Anfang eines Weges für einen gesünderen Augenblick.
Der Auferstandene kann erst von den Jüngern erkannt werden, als er ihre von Trauer und Enttäuschung "gehaltenen" Augen heilt. Sie gehen ihnen auf und sie erfahren Seine neue Wirklichkeit (Lk 24, 16.31). So verwandelt, schauen sie auch die Welt und ihre Mitmenschen und sich selbst in Wahrheit an. Das ist mitunter schwer auszuhalten. Doch diese Wirklichkeit ist der Anfang, damit wir durch Ihn Befreiung und Erlösung erfahren (vgl. Joh 8, 32).

P. Gregor Winter OCist

Namenstage

Robert, Gottlieb, Anita (7.6.) > Heilige

Spiritueller Zwischenruf zur Corona-Krise

NGZ-Artikel
vom 30. Mai 2020

weitere hier:

Jahreskalender